Nicht erholsamer Schlaf hat viele mögliche Ursachen. Eine davon wird regelmäßig übersehen: eine Verengung der oberen Atemwege während des Schlafs.
Ich habe die Fortbildung in Zahnärztlicher Schlafmedizin abgeschlossen und bin darin zertifiziert. In Kürze biete ich in meiner Praxis ein Screening auf schlafbezogene Atemstörungen an. Dieser Beitrag erklärt, worauf dabei geachtet wird.
Warum Zahnmedizin und Schlaf zusammenhängen
Der obere Atemweg verläuft unmittelbar hinter Mundhöhle und Zungengrund – ein muskulär stabilisierter Abschnitt ohne knöcherne Führung. Im Schlaf sinkt die Muskelspannung, der Querschnitt kann sich verengen.
Wie weit der Atemweg offen bleibt, hängt von Faktoren ab, die zahnmedizinisch beurteilbar sind: der Ruhelage der Zunge, der Position des Unterkiefers, dem Platzangebot im Oberkiefer und der Spannung der beteiligten Muskulatur.
Es sind dieselben Faktoren, mit denen ich in der Dentosophie und der myofunktionellen Therapie ohnehin arbeite.
Nicht jede Atemstörung führt zu Atemaussetzern
Bekannt ist vor allem die obstruktive Schlafapnoe: Der Atemweg kollabiert zeitweise vollständig, der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt messbar.
Daneben existiert eine leichtere, aber ebenfalls relevante Form. Der Atemweg ist verengt, jedoch nicht verschlossen. Die Atmung bleibt erhalten – allerdings nur durch dauerhaft erhöhte Atemarbeit. Der Körper reagiert mit kurzen Weckreaktionen, die den Tiefschlaf unterbrechen, ohne bewusst wahrgenommen zu werden.
Die daraus entstehenden Beschwerden sind unspezifisch und werden deshalb häufig anderen Ursachen zugeordnet:
- Erschöpfung trotz ausreichender Schlafdauer
- Kopfschmerzen am Morgen
- anhaltende Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich
- nächtliches Zähneknirschen
- unruhiger Schlaf, nächtliches Erwachen, Schwitzen
- Herzklopfen ohne kardiale Ursache
- subjektiv erschwerte Atmung
In der Schlaflaboruntersuchung bleibt diese Form oft unauffällig, weil die klassischen Messgrößen – Atemaussetzer und Sauerstoffentsättigungen – im Normbereich liegen. Betroffene erhalten einen unauffälligen Befund, während die Beschwerden fortbestehen.
Ohrgeräusche als Begleitsymptom
Tinnitus wird in diesem Zusammenhang regelmäßig genannt. Die Datenlage ist differenziert.
Für die Schlafapnoe zeigen Metaanalysen einen statistisch signifikanten Zusammenhang vor allem bei ausgeprägten Formen. Bei leichter und mittelgradiger Ausprägung ist er nicht gesichert.
Besser belegt ist die Verbindung zum Kiefergelenk: Bei craniomandibulärer Dysfunktion treten Ohrgeräusche deutlich häufiger auf. Erklärt wird das über die enge anatomische und nervale Nachbarschaft von Kiefergelenk, Kaumuskulatur und Hörbahn.
Beides stammt überwiegend aus Querschnittsstudien und belegt ein gemeinsames Auftreten, keine Ursache. Tinnitus gehört zuerst HNO-ärztlich abgeklärt. Bleibt das ohne Befund und liegen gleichzeitig Kiefer- oder Atemwegsbefunde vor, ist der funktionelle Zusammenhang eine Überlegung wert.
Was das Screening umfasst
Am Anfang steht ein strukturierter Fragebogen zu Schlafverhalten, Atmung und Tagesbefinden. Daran schließt die klinische Untersuchung an. Mehrere Befunde lassen sich zahnärztlich erheben:
- Zungenimpressionen. Abdrücke der Zahnreihen am Zungenrand weisen auf ein Missverhältnis zwischen Zungengröße und Platzangebot hin.
- Schliffflächen an den Zähnen. Nächtliches Knirschen ist nicht ausschließlich stressbedingt. Es kann auch der muskulären Stabilisierung des Atemwegs dienen.
- Schmaler, hoher Gaumen. Häufig Folge einer langjährigen Mundatmung während der Wachstumsphase.
- Schluckmuster. Ein physiologischer Schluckakt verläuft geräuschlos und ohne Kopfbewegung. Abweichungen deuten auf eine veränderte Zungenlage hin.
Aus Fragebogen und Befunden ergibt sich, ob Hinweise auf eine schlafbezogene Atemstörung vorliegen. Das braucht Zeit. Ich plane sie entsprechend ein.
Therapeutische Ansätze
Zwei Wege stehen zur Verfügung, sie lassen sich kombinieren.
Unterkieferprotrusionsschiene. Eine individuell angefertigte, einstellbare Schiene verlagert den Unterkiefer und damit Zunge und Zungenbein nach vorn. Der Rachenraum wird erweitert, der Atemwiderstand sinkt. Bei leicht- bis mittelgradiger Schlafapnoe ist sie eine etablierte Therapieoption, insbesondere wenn eine Atemmaske nicht vertragen wird.
Myofunktionelle Therapie. Statt den Atemweg mechanisch offen zu halten, wird die beteiligte Muskulatur trainiert. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen eine deutliche Reduktion nächtlicher Atemereignisse.
Bei Kindern gilt: Schnarchen ist kein Normalbefund und sollte abgeklärt werden. Mehr dazu in meinem Beitrag über Mundatmung.
Einordnung
Ein Screening ist kein Diagnoseverfahren. Es erfasst Hinweise und beantwortet die Frage, ob eine weitere Abklärung angezeigt ist. Die Diagnose einer schlafbezogenen Atemstörung und die Indikationsstellung zur Therapie erfolgen schlafmedizinisch.
Meine Aufgabe ist die zahnärztliche Befunderhebung, die Einordnung der Befunde, die Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten sowie die Therapie mit den Mitteln, die der Zahnmedizin zur Verfügung stehen.
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